SONUS LOCI III Der Große Raum / Grand Space

Do. 24/09/2009, 20h > Mariendom (Herrenstraße / Baumbachstraße)

Mächtige Wogen durchziehen den Raum, dessen Wände sich aufzulösen scheinen, Platz machen für einen unsichtbaren Horizont und unauslotbare Tiefe. Und obwohl das Bauwerk fest am Grund steht, öffnet es sich doch zu den Sternen, macht Platz für ein noch weiträumigeres Gebilde, Wohnstatt und Zuflucht "im Geviert des Großen Bären" (Arthur Rimbaud).

Werner Puntigam (Posaune, Conch Shell) / Ali Angerer (Tuba, Conch Shell) / Klaus Hollinetz (Electronics)


Ich erinnere mich, wie ich als Kind im Mariendom meinen Gedanken nachhing. Da schien es, als wehte ein beinahe unmerklicher Wind durch den großen Raum, dessen Dimensionen im Halbdunkel nur sehr vage erfassbar waren, ein Wind, der die Kerzenflammen leicht erzittern ließ. Es kam mir vor, als würden Gedankenströme auf unsichtbaren Bahnen durch den Raum fließen, als würden die mächtigen Mauern durchlässig wie die mit leichtem Stoff bespannten Theaterkulissen. Klänge durchfluteten den Raum, Orgeltöne, die in der Erinnerung zu einem einzigen langen umfassenden Ton verschmelzen, vermischt mit dem dunklen Rauschen des Gemurmels der Besucher.
Ein Lichtpunkt zeichnete sich am Boden der Kirche ab, Sonnenlicht, das durch ein Loch in einem der riesigen Fenster fiel. Dieser Lichtpunkt bewegte sich sehr rasch über den Boden, ich wanderte staunend an der Hand des Großvaters mit und begriff langsam durch diese Bewegung die Größe und Ausdehnung des Raums, drinnen und draußen.
Und ich erinnere mich auch, wie enttäuscht ich damals war, als ich erfuhr, dass der Mariendom - den auch meine Familie damals immer als den Neuen Dom bezeichnete -  erst vor ein paar Jahrzehnten fertiggestellt und eingeweiht worden war.  Dieses Bauwerk musste einfach älter sein, es war schwer vorstellbar, dass mein bescheidenes historisches Architekturverständnis hier eine - so kam es mir vor - massive Anomalie aufweisen sollte.

"Wer kann den Raum durchdringen," fragt der Philosoph Massimo Scaligero, "dem Strömen der Zeit begegnen? Nur wer sich ohne Täuschung aus den Bedingungen des Sinnlichen zu befreien vermag und den Raum und die Zeit hinter sich lassen kann, die man für wirklich hält, weil sie messbar sind: aber die Wirklichkeit von Raum und Zeit ist Unermesslichkeit."

Im diesem großen Raum fangen sich nun die Klänge ein, wie mächtige Wogen an den Riffen der Zeit. Sie durchziehen den Raum, dessen Wände sich aufzulösen scheinen, zurückzuweichen für einen unsichtbaren Horizont und unauslotbare Tiefe. Und obwohl das Bauwerk fest am Grund steht, öffnet es sich doch zu den Sternen, macht Platz für ein noch weiträumigeres Gebilde, Wohnstatt und Zuflucht "im Geviert des Großen Bären" (Arthur Rimbaud).

Für "Der Große Raum" hab ich mir zwei ganz besondere Musiker eingeladen, die mit ihrem Spiel innere und äußere Raume zu füllen vermögen. Sie durchmessen auf eigenen Wegen den Raum, den Atem und die Bewegung der Lippen zum Klingen gebracht durch Posaune, Tuba und Muschelhörner.
Die elektronischen Bearbeitungen entstammen ganz unterschiedlichen Quellen, es ist beinahe so, als wehten diese Klänge wie zufällig herein, breiteten sich aus mit Bedacht und ohne Hast nur um wieder ohne Spur zu verschwinden.

Aber ist es nicht so, dass auch wir alle Wanderer sind und dass wir uns auf unsichtbaren Strömen wie temporäre Besucher durch die großen Hallen unserer Gegenwart tragen lassen?



SONUS LOCI III  Der Große Raum / Grand Space

Werner Puntigam (Posaune, Conch Shell) / Ali Angerer (Tuba, Conch Shell)
/ Klaus Hollinetz (Electronics)


Werner Puntigam:
http://www.servus.at/pntgm/

Ali Angerer
http://www.aliangerer.com/

Dauer des Konzerts ca. 50 Minuten