
SONUS LOCI II Ordnung des Imaginären / Order Of The Imaginary
Mi. 16/09/2009, 20h > Kirche St. Theresia (Losensteinerstraße 6)
Befreit von allem Zierrat präsentiert sich der Raum in seiner puren Gestalt – eine moderne Form, die gleichzeitig eine alte ist. Beton und Stein, als eine riesige Muschel, in der das Rauschen, das in ihrem Inneren hörbar wird, eine Verdichtung aller bekannten Klänge zu umfassen scheint.
Franz Hautzinger (Trompete) / Didi Bruckmayr (Stimme) / Klaus Hollinetz (Electronics)
Den Titel des heutigen Abends habe ich mir beim französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) ausgeborgt. Er teilte die Entwicklung des Menschen - des „Subjektes“ - in drei prägende Ordnungen ein, die das Verhältnis der Welt bestimmen, der imaginären, der symbolischen und der realen. Die Ordnung des Imaginären ist die Welt der Bilder, Ideale und Phantasmen. Die Ordnung des Symbolischen stellt die Welt der Zeichen, der allgemeingültigen Bedeutungen und Konventionen dar und die Ordnung des Realen umfasst dann den Rest, eine Welt mit all dem, was aus beiden Ordnungen herausfällt.
Der Begriff „imaginär“ leitet sich vom lateinischen Wort für Bild (imago) sowie von “Imagination” (Vorstellungskraft, Einbildungskraft) und dem Adjektiv “imaginarius” (eingebildet) her. Der Begriff des Imaginären taucht schon in der mittelalterlichen Philosophie auf und wird der Sache nach bereits bei Aristoteles als Phantasie behandelt. Die ausschließliche Konnotation des Begriffs „imaginär“ mit „eingebildet“ ist insbesondere im deutschen Sprachraum bis heute wirksam, wodurch als imaginär oft unwirkliche, nur vorgestellte Gegenstände bezeichnet werden, Trugbilder, Halluzinationen, Täuschungen und vor allem Hirngespinste (nach wikipedia).
Das Imaginäre ist für mich aber ein Sammelbegriff alles Bildhaften, Vorsprachlichen, alles Vorgestellten, individuell und kollektiv. Es ist die Welt des Kindes, das sich erkennend "in den Spiegel blickt" (das Lacan'sche Spiegelstadium), es ist die Welt, aus der Ideen geboren werden, aus deren Tiefe das aufsteigt, das "noch keinen Namen hat", das Unbezeichnete, das Unklassifizierte.
Im Imaginieren schaffen wir uns unsere Welt. Die Imagination ist noch "unvernünftig" und sie vermag den Unterschied zwischen Wissen und Glauben noch nicht zu erkennen.
Die Kirche St. Theresia – sie gehört zu den schönsten Kirchen von Linz - stellt hier, als ein inzwischen aus dem Zeitkontext gelöstes Kunstwerk die Projektionsfläche für Klänge dar, die ganz tief aus dieser imaginiertenWelt stammen. Der Raum selbst scheint zu schweben, und befreit von allem Zierrat präsentiert er sich in seiner puren Gestalt - eine moderne Form, die gleichzeitig eine alte ist. Beton und Stein, als eine riesige Muschel, in der das Rauschen, das in ihrem Inneren hörbar wird, eine Verdichtung aller bekannten Klänge zu umfassen scheint.
Für dieses Konzert habe ich mir zwei Ausnahmemusiker eingeladen, die beide in fast exemplarischer Form für diese Allgegenwart und Allgewalt der Klänge stehen. Franz Hautzinger, berühmt für sein unverwechselbares Trompetenspiel und Didi Bruckmayr, nicht weniger bekannter Stimm- und Performancekünstler. Die Liste ihrer Projekte und Veröffentlichungen ist lang und vielfältig.
„Ordnung des Imaginären" verwendet in den elektronischen Klängen fast ausschließlich die vorweg aufgenommenen Klänge der Trompete Franz Hautzingers. Klänge, die vielleicht für manche Ohren fast selbst schon "elektronisch" klingen, wurden hier noch weiter transformiert, bis sie sich beinahe im Rauschen auflösen.
Hören wir dieses Rauschen aber nicht immer, selbst dann, wenn wir uns in Stille wähnen?
Alle Klänge dieser Welt sind in den Bögen der Muschel gefangen - wir halten unser Ohr daran und befreien sie.
Klaus Hollinetz - SONUS LOCI II Ordnung des Imaginären / Order Of The Imaginary
Franz Hautzinger (Trompete) / Didi Bruckmayr (Stimme) / Klaus Hollinetz (Electronics)
Didi Bruckmayr:
http://at.myspace.com/bruckmayr
Franz Hautzinger:
http://www.franzhautzinger.com/
Dauer des Konzerts ca. 50 Minuten
Nächstes Konzert:
SONUS LOCI III Der Große Raum / Grand Space
Do. 24/09/2009, 20h > Mariendom (Herrenstraße / Baumbachstraße)
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